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Der Vierte Weg ist ein Weg des Verstehens
Ich möchte wissen und sein, was ICH BIN

Jeanne de Salzmann









Ein neues Denken

[...] Ich muss begreifen, dass der Gedanke »ich« das größte Hindernis für ein Bewusstsein meiner selbst ist. Alles, was ich durch meine Sinne kenne, hat einen Namen. Ich bin vollgestopft mit Namen, die wichtiger werden als die Dinge als solche. Ich nenne mich selbst »ich«, und indem ich vorgebe, mich selbst zu kennen, akzeptiere ich einen Gedanken, der mich in Unwissenheit hält. Wenn ich lerne, mich von den Namen, von den Gedanken zu trennen, werde ich nach und nach das Wesen des Verstandes begreifen und den Schleier lüften, den er über mich wirft. Ich werde beides erkennen: nämlich, was es bedeutet, durch das Denken versklavt, wie auch die Möglichkeit, von diesem Tyrannen befreit zu sein.


Gleichzeitig darf sich mein Verstand nicht abwenden, denn der Wunsch, sich abzuwenden, erzeugt Furcht; sich nicht den Tatsachen zu stellen, schafft Angst. Mein Verstand muss sich selbst sehen, seine Funktionsweise durchschauen und sich nicht von den Wörtern fesseln lassen. Das verlangt eine außerordentliche Präzision des Denkens, eine Aufmerksamkeit, die sich nicht ablenken lässt. Was bleibt, wenn die Wörter verschwunden sind? Man gelangt an die Pforte der Wahrnehmung. Der Verstand versteht, dass er allein ist. Dann nähert er sich der Bedeutung, dem Gewicht eines Wortes – der Frage, ob ein Wort ein Gefühl erzeugt. Indem er das Wort als Tatsache betrachtet, befreit sich der Verstand von dessen Einfluss. [...]


Ein Weg des Verstehens

Der Vierte Weg ist ein Weg des Verstehens, der gelebt werden muss. Wie wir existieren, unsere Lebensart, ist ein Fakt, der exakt das Maß unseres Verstehens reflektiert. Ich kann nicht behaupten, dass ich verstehe, was es bedeutet, gegenwärtig zu sein. Es ist ganz einfach deswegen nicht wahr, weil ich es nicht lebe. Wenn ich lebe, ohne gegenwärtig zu sein, bedeutet dies, dass da etwas ist, was ich, so wie ich bin, nicht verstehe. Und so wie ich bin, werde ich es nie verstehen, bis sich mir diesbezügliche eine Frage stellt.


Was ist diese Anstrengung, die wir »arbeiten« nennen? Was versuchen wir denn zu erreichen? Was verstehe ich heute, und was ist es, was ich verstehen muss? Dauernd möchten wir etwas in uns selbst verändern, weil wir es nicht mögen. Doch dies ist nicht der richtige Ausgangspunkt. Er basiert nicht auf Verständnis. Er kommt nicht aus einem Verstehen heraus und wir können ihm nicht trauen. Ich bin nur im Maße meines Verstehens fähig, mich zu verpflichten.


Verstehen basiert auf bewussten Eindrücken und hängt vom Zustand meines Seins, vom Zustand meiner Präsenz ab. Das, was ich in einem Moment der Bewusstheit weiß, ist das, was ich verstehe. Sobald mein Zustand sich ändert und meine Bewusstheit abnimmt, geht dieses Verständnis verloren. Es wird augenblicklich gefesselt durch assoziatives Denken und automatisches Fühlen, meine üblichen Mittel, die es stehlen und vorgeben, es gehöre ihnen. Wir müssen diesen Verlauf als Tatsache anerkennen, sodass wir nicht getäuscht werden. Verstehen ist ein kostbarer Schatz, der als ein lebendiger Funke in meine Anstrengung einfließen muss. Wenn dieses Verstehen mit Klarheit eintritt, kann es einen Impuls geben, der richtig ist und zu einem bewussten Eindruck, einem neuen Verständnis führt. Wir müssen aufpassen, dass wir es nicht zulassen, dass unsere normalen Mittel diesen neuen Eindruck verunreinigen oder er von unerwünschten Assoziationen begleitet wird.


In unserem gewöhnlichen Schlafzustand, im Zustand der Identifikation, können wir nichts wissen. Wenn ich gänzlich identifiziert bin, bin ich völlig abwesend. Dann ist niemand anwesend, um zu sehen oder zu wissen. Da ist keine Spur von freier Aufmerksamkeit, um zu sehen. In meinem Schlafzustand wünsche ich mir zu arbeiten, und ich versuche es auf die eine oder andere Weise. Aber es ist unmöglich. Es ist absurd, wenn ich in meinem Schlaf vorgebe, dass ich zu arbeiten wünsche, während ich die ganze Zeit davon träume, dass ich es kann. Ich muss meine Illusion meiner selbst, meine gewohnheitsmäßige Selbstbestätigung anzweifeln. Die erste Anstrengung ist das Erwachen, sodass ich sehen kann. [...]


Die Illusion unserer Individualität

[...] Was im Augenblick meines Verhaltens auf die Probe gestellt wird, ist das Gefühl, das ich von mir selbst habe. Alle unsere Identifikationen werden von einer inneren Kraft angetrieben. Ihr müssen wir uns stellen. Die Formen, die die Identifikation annimmt, sind unwichtig. Nicht sie sind der Kern des Problems. Wir müssen zu dieser inneren Quelle gelangen und erkennen, dass sie hinter jeder unserer Masken steckt. Tatsächlich ist es unsere eigene Kraft, die uns durch die Bestätigung unseres individuellen Selbsts gestohlen wird. Den ganzen Tag über sagen wir: »Ich.« Egal, ob wir allein sind oder mit anderen sprechen – wir sagen: »Ich«, »ich«, »ich.« Wir glauben an unsere Individualität, und diese Illusion unterstützt unser Existenzgefühl. Ständig streben wir danach, etwas zu sein, was wir nicht sind, weil wir Angst davor haben, nichts zu sein.


Gleichzeitig sind wir die Träger höherer Möglichkeiten. In besseren Momenten fühlt sich jeder von uns als Teil von etwas Größerem. Wir tragen einen Samen dieser Größe in uns. Das ist unser Wert als menschliche Wesen. Wir müssen uns dieser Möglichkeiten bewusst werden, um diese mit unserer Lebenskraft in Verbindung zu bringen, um sie an unserer Lebenskraft teilhaben zu lassen. Durch dieses Bewusstsein können sich mein wirkliches Selbst und mein gewöhnliches Ich kennenlernen und eine Verbindung aufbauen. [...]


Eine Schule des Vierten Weges

Genau wie eine Schule, basiert ein Haus der Arbeit auf den Prinzipien dieses Weges, dieser Lehre. Es besteht für eine begrenzte Zeit, in der bestimmte Dinge erreicht werden müssen. Das Haus erfüllt seine Rolle entsprechend der Ebene der Menschen, die sich daran beteiligen. Es mögen dort solche sein, die verstanden haben, dass sie nicht das sind, was sie sein sollten, die jedoch nicht davon überzeugt sind, dass sie ihr Wesen ändern möchten, und noch nicht verstehen, dass es dazu der Anstrengung bedarf. Das Haus mag auch solche Menschen beherbergen, die bereits von sich selbst enttäuscht sind, die nicht mehr an ihr normales Ich glauben und die wissen, dass ihr Leben nur dann Bedeutung erhalten wird, wenn sie eine konkrete Anstrengung unternehmen, um aufzuwachen und ihre Situation zu erkennen. Und es kann Häuser geben, in denen manche bereits darüber hinausgegangen sind. In Abhängigkeit von der Stufe der sich beteiligenden Menschen ist die Rolle des Hauses für das Werk als Ganzes jedes Mal eine andere. Doch wir müssen verstehen, dass das Werk niemals sehr weit voranschreiten wird ohne ein organisiertes Zentrum, das bestimmte notwendige Bedingungen zur Verfügung stellt, ohne ein Leben, das den Prinzipien der Lehre folgt. Eine Schule braucht sowohl das Verstehen ihrer Arbeitsprinzipien als auch die darauf basierende Disziplin. Für das, was wir erhalten, müssen wir bezahlen.


Ein solches Haus ist wie eine Welt innerhalb einer anderen Welt. Ich möchte wissen und sein, was ICH BIN. Dazu ist meine Aufmerksamkeit dauernd auf mich selbst gerichtet, auf die Wahrnehmung meiner wahren Natur, die nicht mit dem Ausdruck meiner Person, meines Egos identisch ist. Ich sehe, wie mein Ego sich in meinen Gedanken, meinen Begierden, meinen Bewegungen ausdrückt. Und ich versuche, mich von ihnen nicht fesseln zu lassen. Ich habe mich ständig im Blick. Deshalb, weil ich mich die ganze Zeit über infrage stelle, beurteile ich die anderen nicht. Ich lerne, ohne Urteil zu sehen und zu verstehen. Da ist kein »ich« und »ihr«. Es gibt nur Manifestation. Ich lerne, die Gesetze der Welt zu erkennen, in der wir leben, die Gesetze der Manifestation.


Ein grundlegendes Prinzip dieser Schule lautet, immer mehr zu tun, als wir es gewohnt sind. Nur dies führt zu Veränderung. Wenn wir lediglich das Mögliche tun, bleiben wir, wie wir sind. Wichtig ist, das Unmögliche zu tun. Das macht den Unterschied zum normalen Leben aus, in dem man nur das tut, was möglich scheint. Ein weiteres Prinzip besteht darin, dass wir uns bewusst nicht auf ein vorgegebenes Format verlassen, sodass eine aktive und bewusstere Suche stattfinden kann. Unser Ziel ist es, uns von allem zu befreien, das uns an eine Tätigkeit bindet, und eine Art von Wachsamkeit zu entwickeln, die es uns erlaubt weiterzugehen. Wenn eine Arbeitsform eingebracht wird, nehmen wir sie zunächst als etwas Neues an, doch später wiederholen wir sie als etwas Gegebenes. In dieser Wiederholung verstehen wir die Prinzipien hinter der Form immer weniger. Damit eine Form lebendig bleibt, müssen wir immer wieder zur Quelle, zur Wahrheit, zurückkehren. Auf allen Ebenen unterhalb des Absoluten besteht ein Erinnern und ein Durst, sich dem Größeren, dem was ist, zuzuwenden. Doch wenn wir die Leiter der Involution hinuntersteigen, erhebt sich das Vergessen und wird tiefer und tiefer. [...]


Austausch in Gruppen

Wir beginnen immer weit entfernt vom Essenziellen. Auch wenn wir etwas wiederholen und wiederholen – wir müssen über das, was wir tun, über die Bedeutung unserer Arbeit und unserer Präsenz nachdenken. Dies sollte nie vergessen werden, aber wir vergessen es dauernd. Wir vergessen die Bedeutung und müssen wieder zurückkommen. Wir dürfen nicht vorgeben und davon ausgehen, dass wir die Bedeutung verstanden haben. Das ist nicht wahr. Jedes Mal, wenn wir zusammenkommen, muss ich die Bedeutung für mich selbst erneuern. Jedes Zusammentreffen muss ein Augenblick durchdringenden Hinterfragens sein. Wenn ich jetzt selbst nicht weiß, was ich tue, was auf dem Spiel steht, worum es geht – wenn ich es nicht jedes Mal weiß –, wird etwas anderes geschehen, das in eine entgegengesetzte Richtung geht. Meine Anstrengung muss gezielt sein; das, was ich zu erreichen wünsche, muss klar sein. Jeder, zusammen und zugleich mit den anderen, muss diese Präsenz in sich selbst entstehen lassen. Sie muss eine Wirklichkeit werden, unsere gemeinsame Verbindung über der persönlichen, eine Wirklichkeit, der wir dienen und gehorchen.


Das Leben einer Gruppe hängt von unserem Zustand und von unseren Fragen ab. Was unsere eigene Arbeit betrifft, fragen wir, was immer wir möchten. Was sind jetzt meine Schwierigkeiten? Was muss ich verstehen, was möchte ich wissen? Was scheint in meiner Arbeit so wichtig zu sein, dass es sich lohnt, darüber zu reden? Wenn wir zusammenkommen, muss ich darauf vorbereitet sein, zu sprechen. Ich muss meine Arbeit dauernd reflektieren und sollte nicht in einem passiven Zustand aufkreuzen. Wenn ich komme, ohne vorbereitet zu sein, macht es keinen Sinn. Wenn ich kein erklärtes Ziel habe, gibt es nichts, worüber wir reden können. Wie soll so ein Austausch zustande kommen? Es ist unmöglich.


Eines unserer größten Hindernisse ist unser Konzept von Fragen und Antworten, das heißt von der Übermittlung von Wissen, nach dem gesucht und welches von einer Person zur anderen weitergegeben wird. Wir glauben, dass der Fragensteller weniger weiß und in Wirklichkeit nach einer Antwort fragt, um seine Unkenntnis zu beseitigen. Und im Alltag, wo jeder auf das Ge­wusste vertraut, ist dem tatsächlich so. Aber in einer Gruppe richten wir uns auf das Unbekannte aus. Der Fragende öffnet die Tür zum Unbekannten, und der Zuhörer ist zu einem Austausch aufgerufen, der zwischen ihnen fließt, zu einer Bewegung in zwei Richtungen. Eine wirkliche Veränderung des Verstehens würde bedeuten, dass, indem der Zuhörer auch fragt und der Fragesteller wirklich zuhört, sich die Ebene beider Teilnehmer verändert. [...]


Austausch mit anderen

[...] Das Bedürfnis von jedem von uns hängt von der Wahrhaftigkeit unserer Arbeit ab. Tatsächlich sind wir enorm abhängig voneinander. Wir können nichts ohne den anderen tun. Der Austausch, den wir miteinander haben können, ist notwendiger als unser tägliches Brot. Wir strengen uns allein an – wir kämpfen allein, leiden allein, antworten allein. Doch es kommt ein Punkt, an dem Austausch unentbehrlich ist, an dem es notwendig wird, dass wir uns gegenseitig mit den Früchten unserer Arbeit nähren. Und ohne diesen Austausch kommen wir nicht weiter. Je mehr wir unser Dasein schätzen, desto mehr erscheint die Frage der Verbundenheit.


Nur zu Beginn ist es notwendig, Gruppen künstlich zu bilden mit einem Leiter, der Fragen beantwortet. Eine bestimmte Zeit lang kann eine Arbeit mit Tiefenwirkung nur durch solch ein ZusammentreVen erfolgen. Später bildet sich der Organismus auf natürliche Art und Weise um diejenigen herum, die sich auf ein und derselben Stufe befinden und die das Bedürfnis danach verspüren. Wenn wir weiter gehen, wird das Bedürfnis nach bewusstem Austausch dringender. Wir mögen getrennt voneinander arbeiten und jeder mag seine eigenen Anstrengungen machen. Dennoch ist es ab einem bestimmten Punkt zwingend zusammenzukommen, um sich zu überprüfen und sich auszutauschen und damit, durch eine ganz bestimmte gemeinsame Anstrengung, die Wahrheit deutlicher hervortritt.


Es gibt für alles eine richtige Zeit. Ich spreche von der Form, die unsere Arbeit heute angenommen hat, von Gruppen und von der Möglichkeit, die geschaffen wurde. Wenn diese Möglichkeit nicht ausreichend verwirklicht wird, wird diese Form von selbst entarten und niemals wieder eine neue, innerlichere Form mit einer neuen Möglichkeit hervorbringen. Formen erfinden sich nicht selbst. Sie entstehen aus dem Bedürfnis der Zusammenarbeit, die bestimmte Elemente für den Erhalt ihrer Existenz als notwendig verspüren. [...]


Ich habe keinen wirklichen Schwerpunkt

[...] Ich fange an zu erkennen, dass ich zwischen zwei Wirklichkeiten hin- und hergerissen lebe. Einerseits ist da die Wirklichkeit meines Daseins auf der Erde, die mich in Zeit und Raum begrenzt, mit all ihren Bedrohungen und Gelegenheiten zur Befriedigung. Andererseits ist da die Wirklichkeit des Seins, die jenseits dieses Daseins liegt, eine Wirklichkeit, nach der ich mich sehne. Sie ruft durch all unsere Enttäuschungen und Unglücke hindurch nach unserem Bewusstsein, um uns dahin zu führen, dem Sein, dem »Göttlichen« in uns selbst, zu dienen. Wenn mein Leben nur gelebt wird, um mich zu erhalten, ist das essenzielle Sein verhüllt, verborgen. Auch wenn ich mich auf eine intelligente, vernünftige Art und Weise erhalte, erkenne ich den wahren Sinn meines Lebens nicht – ich habe keine Ausrichtung. Ich werde ganz und gar in Richtung einer äußeren Existenz gezogen und somit davon abgehalten, mir meines echten Seins bewusst zu werden. Wenn ich jedoch eine andere Wirklichkeit fühle, vergesse ich unter der Kraft dieses Eindrucks mein Leben und ziehe mich in eine Isolation zurück. Also verlangt die Welt nach mir, ohne auf mein inneres Leben Rücksicht zu nehmen, und mein Wesen ruft nach mir, ohne sich um die Anforderungen der weltlichen Existenz zu kümmern. Das sind zwei Pole eines größeren Selbsts, eines einzigen Wesens. Ich muss einen Zustand erlangen, in dem ich mich mehr und mehr für eine essenzielle Kraft in mir öffne und ihr gehorche und in dem ich gleichzeitig fähig bin, diese Kraft auszudrücken und sie ihre Arbeit in der Welt ausüben zu lassen.


Wenn ich meinen Zustand in diesem Augenblick betrachte, sehe ich, dass ich keinen wirklichen Schwerpunkt habe, kein wirkliches ICH. Ich bin es gewohnt, meinen Körper und meine anderen Funktionen als »ich« oder »mich« zu bezeichnen. Aber ich verfüge über kein ICH, das wirklich und immer dasselbe ist, das sich nicht verändert, ein ICH, das wollen kann – nicht begehren, nicht hoffen, sondern wollen. Die unterschiedlichen Teile in mir stehen nicht in Beziehung zueinander. Mein Fühlen erlebt nicht das, was mein Kopf denkt, und mein Kopf denkt nicht das, was mein Körper spürt. Ihre Intensität ist unterschiedlich und sie haben kein gemeinsames Ziel. Sie sind persönlich beschäftigt, jedes für sich selbst mit seinem eigenen Begehren.


Die Einbildung meines Ichs

[...] Diese Einbildung meines Ichs, von »mir«... liegt im Kern meines gewöhnlichen Selbstgefühls, im Ego, und alle Bewegungen meines inneren Lebens beschützen diesen Kern. Und diese Neigung besteht sowohl in den unbewussten als auch in den bewussten Ebenen meiner selbst. Weil wir diese Einbildung um jeden Preis schützen wollen, sind unsere Erfahrung und unser Wissen so außerordentlich bedeutungsvoll für uns. Die Dinge, die wir tun, wählen wir nicht, weil wir sie tun möchten, sondern weil wir dadurch unser eingebildetes Ich bekräftigen und absichern. Es gibt keinen Gedanken und kein Gefühl, die nicht dadurch motiviert sind. Dies geschieht jedoch so subtil, dass wir es gar nicht bemerken. Wir sind dermaßen davon in Anspruch genommen, wie wir idealerweise sein möchten, dass wir gar nicht erkennen, was wir tatsächlich gerade sind, jetzt in diesem Moment. Vielleicht steckt hinter der Bildung dieser Vorstellung unseres Ichs das Echo eines sehr tiefen Wunsches, des Wunsches zu sein, des Wunsches, ganz und gar das zu sein, was ich bin. Heute aber liegt die beherrschende Macht bei der Idee meiner selbst; und dieses eingebildete Ich begehrt, kämpft, vergleicht und urteilt die ganze Zeit über. Es will an erster Stelle stehen, es will anerkannt, bewundert und respektiert werden, und lässt seine Kraft und Macht spürbar werden. Dieses komplexe Gebilde wurde über Jahrhunderte hinweg durch das psychologische Gefüge der Gesellschaft geformt. [...]


Den Tod verstehen

[...] Es gibt keinen Tod. Das Leben kann nicht sterben. Die Hülle wird aufgebraucht, die Form löst sich auf. Der Tod ist ein Ende – das Ende von allem Bekannten. Er ist eine beängstigende Angelegenheit, weil wir am Bekannten hängen. Aber das Leben (k) ist. (nk) Es ist immer hier, sogar wenn es für uns das Unbekannte ist. Das Leben können wir erst dann verstehen, nachdem wir den Tod kennen. Wir müssen das Bekannte sterben lassen und das Unbekannte betreten. Wir müssen freiwillig sterben. Wir müssen uns vom Bekannten befreien. Wenn wir frei sind, können wir in das Unbekannte, in die Leere, in die vollkommene Stille eintreten, wo es keinen Zerfall gibt – in den einzigen Zustand, in dem wir herausfinden können, was Leben ist und was Liebe ist.


Falsche Selbstzufriedenheit

[...] Der Vierte Weg muss gelebt, erfahren werden, nicht einfach gedacht oder geglaubt. Die von Gurdjieff übermittelten Ideen beinhalten Wissen einer höheren Ebene, welches wir im Leben umsetzen müssen, um es zu verstehen. Doch dieses Wissen ist verschlüsselt. Dies bedeutet, dass eine Person, die über »die Arbeit« spricht oder sich darin versucht, dieses Wissen weiterzugeben, vielleicht gar nicht weiß, worüber sie spricht. Solange wir nicht fähig sind, diese Ideen umzusetzen und den Code zu dechiffrieren, wird dieses Wissen immer verzerrt und zweckentfremdet verwendet und Ergebnisse verursachen, die seiner ursprünglichen Bedeutung zuwiderlaufen.


Die Aufforderung, die Lehre umzusetzen, schließt den Respekt vor gegebenen Formen ein, doch ohne Angst davor zu haben, diese anzupassen, wenn ein solides Verständnis die Notwendigkeit dafür anzeigt. Verlangt wird auch eine besondere Haltung gegenüber traditionellen Lehren. Wir sollten unseren Verstand nicht durch falsche Selbstzufriedenheit für andere Wege verschließen. In Tat und Wahrheit können wir in ihnen viele gemeinsame Prinzipien und Praktiken finden. Doch können Vergleiche erst sinnvoll sein, nachdem wir den Weg, der uns übermittelt wurde, verstanden haben. Wir müssen uns davor hüten, mit unserem Verstand zu urteilen, bevor wir es unserer Intuition, die den Kern der Erfahrung ausmacht, erlaubt haben, uns Wissen zu gewähren. Allgemeine Themen zu studieren, ist eine Sache; doch den Schritten eines anderen Weges zu folgen, ist etwas ganz anderes, insbesondere was das Experimentieren mit Übungen aus anderen Lehren betrifft. Wenn wir wahrhaftig diesen Weg betreten, bindet die Erfahrung die Energie in bestimmten Kanälen, um von unserem Verständnis abhängige Ergebnisse zu produzieren. In diesem Fall ist es eine ernste Angelegenheit, sich einer anderen Lehre zu nähern, insbesondere wenn jemand sich einer Praktik oder Disziplin unterzieht, die einen Schock im Verstand verursacht. Wenn deren Ergebnis nicht vom Verstehen herrührt, kann das eine Haltung, ja sogar eine Verhärtung hervorrufen, die uns die Freiheit nimmt weiterzugehen.


Reinses Sehen ist Transformation

[...] Der Akt des Sehens ist ein Akt der Erlösung. Wenn ich sehe, was wirklich ist, ist die reale Tatsache, die eigentliche Wahrnehmung, die Erlösung davon. Ich muss mich freimachen vom übermächtigen Wert, den ich dem Wissen, meinen Meinungen und Theorien beimesse. Schon nur der reine Akt, etwas als Tatsache zu sehen, hat in sich selbst eine außergewöhnliche Wirkung ganz ohne die Beteiligung des Denkens. Wenn ich mich, ohne zu reagieren, der Wirklichkeit zu stellen vermag, öffnet sich eine Energiequelle, die nicht das Denken ist. Die Aufmerksamkeit wird mit einer speziellen Energie aufgeladen, die im Akt des Wahrnehmens freigesetzt wird. Dieser Zustand des Beobachtens kann jedoch nur dann eintreten, wenn eine Dringlichkeit besteht, zu verstehen und zu sehen, und wenn mein Verstand alles aufgibt, um zu beobachten. Dann ergibt sich eine neue Art der Beobachtung ohne jegliches Wissen, ohne Glaube oder Angst, mit einer Aufmerksamkeit, die stark bleibt und sich dem stellt, was erkannt werden soll. Es ist eine Aufmerksamkeit, welche die Tatsache weder verleugnet noch akzeptiert. Die Aufmerksamkeit sieht einfach – und gleitet mit derselben reinen Energie von Tatsache zu Tatsache. Dieser Akt des reinen Sehens ist ein Akt der Transformation. [...]


Psyche und Körper

[...] In uns gibt es einen natürlichen, permanenten Konflikt zwischen der Psyche und dem organischen Körper. Sie haben zwei unterschiedliche Wesen – die eine wünscht, der andere wünscht nicht. Da besteht also eine Konfrontation, die wir durch unsere Arbeit und durch unseren Willen bewusst verstärken müssen, sodass eine neue Möglichkeit des Seins entstehen kann. Dazu führen wir eine Aufgabe aus, etwas Spezielles, das diesen Kampf verstärkt. Beispielsweise hat mein Organismus die Angewohnheit, auf eine bestimmte Art und Weise zu essen oder zu sitzen. Das ist seine Konditionierung; doch ich lehne es ab, ihr zu gehorchen. Also kommt es zu einem Kampf, einem bewussten, absichtlichen Kampf zwischen einem Ja und einem Nein, der die dritte Kraft herbeiruft, das ICH, also den Meister, der die beiden versöhnen kann.


Der Körper ist ein Tier, die Psyche ein Kind. Es ist notwendig, beide zu erziehen, beiden ihren Platz zuzuweisen. Ich muss den Körper dazu bringen, zu verstehen, dass er gehorchen muss, nicht befehlen. Dafür muss ich erkennen, was in mir geschieht. Ich muss mich selbst kennen. Dann kann ich eine Aufgabe übernehmen, die meinen Möglichkeiten entspricht, und einen bewussten Willen ausüben. Für mein Sein entfache ich einen Kampf zwischen dem Ja und dem Nein. Erst in diesem Augenblick beginnt die Arbeit. [...]


Eine Einheit des Lebens

Mein Dasein hat einen Ursprung, eine lebendig Quelle, einen Born des Lebens. Ich habe eine Denkart, die zwischen Materie und Energie, zwischen Körper und Geist unterscheidet. Aber nichts davon existiert separat. Es besteht eine Einheit des Lebens. Ich bin zur selben Zeit das, was erschafft, und das, was er­schaVen wird, und dies ohne jegliche Trennung. Mit meiner Hilfe kann ein neuer Körper erschaffen werden, durch den die Wirkung der einen einzigen Lebenskraft in mir spürbar wird.


Ich begehe immer den gleichen Fehler zu versuchen, mir meinen Weg ins Sein zu bahnen, als ob ich es zwingen könnte zu erscheinen. Das Gegenteil ist richtig. Es ist das Sein, das fortwährend ins Licht des Bewusstseins strebt. Es braucht einen Durchgang, der es ihm ermöglicht hineinzustrahlen. Doch unterwegs trifft das Sein auf die harte Verkrustung des Egos und wird von ihr blockiert. Damit das Sein Wirkung entfalten kann, muss sich vor ihm eine Leere auftun, in der eine feinere Schwingung gespürt werden kann. Nur in der Leere kann seine belebende Kraft gefühlt werden, nur dann, wenn keine Spannungen oder irgendwelche ungeordneten Bewegungen des Egos vorhanden sind, das um jeden Preis seine Identität unter Beweis stellen und seine Autorität bestätigt wissen will. Jede Spannung ist ein Zeugnis meines Egos. In jeder Anspannung ist das Ganze meiner selbst involviert.


Ich verstehe nun, dass bewusstes Wahrnehmen das erste Zeichen von Gehorsam gegenüber etwas Größerem bedeutet, den ersten Schritt in Richtung eines wahren Fühlens. Hierin erhasche ich einen flüchtigen Blick auf die Möglichkeit einer direkten Wahrnehmung. Mein tyrannisches Ich fügt sich und dominiert nicht mehr, versucht nicht länger, seine Stärke zu demonstrieren. Ich fühle eine andere Kraft, keine Macht, die ich besitze, sondern eine, in der ich bin. In dem Augenblick taucht eine Energie einer höheren emotionalen Strömung auf – unwiderstehlich, solange ihr Folge geleistet wird. Es ist diese Energie, eine kosmische Kraft, die durch uns hindurchfließt, die alle Traditionen als »die Liebe« bezeichnen. [...]


Das Wunderbare im Handeln

Wenn wir zusammenkommen, um das Arbeiten am Gegenwärtigsein in praktischen Aktivitäten zu üben, werden wir durch ein unwiderstehliches Verlangen nach dem Wunderbaren angezogen, sehen uns dann aber mit alltäglichen Aufgaben wie Bauarbeiten, Saubermachen, Kochen oder Töpferei konfrontiert. Wie setzen wir diese beiden, das Wunderbare und das Alltagsleben, in Beziehung zueinander? Durch das Handeln. Ohne Handlung geschieht weder Wunderbares noch Leben.


Wenn wir über Handlung nachdenken, bedenken wir nie, dass Handlungen an sich, ihrer Qualität nach, radikal unterschiedlich sein können. Den Unterschied zwischen Holz und Metall erkennen wir deutlich und irren uns dabei nie. Aber wir sehen nicht, dass Handlungen sich in ihrer Qualität genauso unterscheiden können wie verschiedene Materialien. Wir sind blind gegenüber den Kräften, die in unseren Handlungen wirken. Natürlich wissen wir, dass unsere Handlung ein Ziel erreichen soll, und wir erwarten von ihr ein Resultat. Wir denken dauernd an das Ziel, an das Ergebnis, doch nie an die Handlung an sich. Nichtsdestotrotz bestimmt nicht das Ziel die Handlung. Es ist die Qualität der Kraft, die in eine Handlung eintritt, die sie bestimmt, die sie entweder automatisch oder schöpferisch sein lässt. Das Wunderbare liegt im Eintreten einer bewussten Kraft in eine Handlung, einer Kraft, die weiß, warum und wie eine Handlung auszuführen ist. [...]


Eine Handlung hängt ab von der Art, wie meine Energie in genau dem Moment involviert ist, in dem ich handle. Dessen muss ich mir im Moment des Handelns bewusst sein und den Energiefluss, der sich zum Ziel hinbewegt, fühlen. Hat die Bewegung begonnen, ist es zu spät einzugreifen. Was einmal freigesetzt wurde, ist nicht länger meins. Nichts kann es von den Resultaten abhalten, die folgen werden – seien sie gut oder schlecht, stark oder schwach, rein oder verzerrt. Alles wird somit vom Zustand meiner verschiedenen Zentren im Augenblick der Handlung bestimmt. Jede Handlung benötigt eine gewisse Freiheit meines Körpers, eine Ausgerichtetheit meines Denkens und ein Interesse, eine Leiden­schaft für das, was getan wird. Dies wird mir eine neue Art zu leben ermöglichen. [...]


Absichtlicher Tod und Gesamtheit des Daseins

[...] Im gewöhnlichen Leben können wir mit den Elementen des Bekannten etwas zusammenstellen und konstruieren. Aber um zu erschaffen, ist es notwendig, durch den absichtlichen Tod, den Tod des Egos, befreit zu werden. Schöpferische Vision gehört nur demjenigen, der es wagt, in seine eigenen Tiefen bis hin zur Leere hineinzuschauen, in eine Matrix, geschaffen von der unablässigen Bewegung der Verinnerlichung und Manifestation, in der man sich selbst gegenübersteht. Wir sind das ruhige Zentrum des Wirbelwinds des Lebens, und das innere Leben ist das einzig Gute. Dann wird alles ohne Bindung getan, so als ob wir nichts zu erledigen hätten und genau da lebten, wo immer es auch nötig ist.


Wenn wir über ein wirklich freies Denken verfügen, können wir uns dem Leben, einschließlich Herausforderungen wie Krankheit und Armut, auf eine neue Art stellen. Anstatt uns Problemen als etwas von der Gesamtheit des Daseins Getrenntem zu nähern, können wir sie als besondere Aspekte des Ganzen sehen. Wenn ich die Gesamtheit des Daseins in einer verbundenen Welt verstehe, werde ich erkennen, dass Dinge außerhalb von mir nur dann transformiert werden können, wenn ich mich selbst transformiere. Während ich einer besseren Qualität in mir selbst näherkomme, wünsche ich mir, in dieser einen Welt an etwas Größerem teilhaben zu dürfen. Dann kann ich dieses Leben, in dem ich mich wiederfinde, als Tatsache akzeptieren und bewusst die Rolle annehmen, die mir darin gegeben wurde. Ich verstehe meinen Teil im Kampf innerhalb der Gesamtheit des Daseins.


Präsenz und Leere

[...] Unsere wahre Natur, eine Unbekannte, die nicht benannt werden kann, da sie keine Form hat, kann man spüren im Stopp zwischen zwei Gedanken oder zwei Wahrnehmungen. Diese Momente des Innehaltens bilden eine Öffnung zu einer endlosen, ewigen Präsenz. Üblicherweise können wir nicht an eine solche glauben, da wir denken, dass alles Formlose unwirklich sei. So lassen wir die Möglichkeit verstreichen, das Sein zu erfahren.


Unsere Angst, nichts zu sein, drängt uns dazu, die Leere zu füllen und zu wünschen, etwas zu erlangen oder zu werden. Und diese Angst führt, bewusst oder unbewusst, zur Zerstörung unserer Möglichkeit zu sein. Wir können sie nicht loswerden durch einen Willensakt oder einen Versuch der Selbstbefreiung. Dem einen Verlangen ein anderes entgegenzusetzen, kann nur Widerstand hervorrufen; und aus Widerstand entsteht kein Verstehen. Von dieser Angst können wir nur durch Wachsamkeit befreit werden, indem wir uns ihrer bewusst werden. Wir müssen klar durch die sich widersprechenden Wünsche, mit denen wir leben, hindurchschauen. Es geht nicht darum, uns auf ein einzelnes Verlangen zu konzentrieren, sondern darum, uns selbst aus dem Konflikt zu befreien, der durch Begierde entsteht. Die Auflösung dieses Konflikts führt zur Ruhe. Die Wirklichkeit kann erscheinen. [...]


Meditation und Wachsamkeit

[...] Die höchste Form von Intelligenz ist Meditation, eine starke Wachsamkeit, die den Verstand von seinen Reaktionen befreit; und dies allein, ohne irgendein absichtliches Eingreifen, führt zu einem Zustand der Ruhe. Es verlangt eine außergewöhnliche Energie, die nur dann erscheinen kann, wenn in uns kein Konflikt herrscht, wenn alle Ideale, jeglicher Glaube, sämtliche Hoffnung und jedwede Angst vollständig verschwunden sind. Dann entsteht keine Kontemplation, sondern ein Zustand der Wachsamkeit, in dem es nicht länger ein Ich-Gefühl gibt, das heißt jemanden, der an der Erfahrung teilnimmt und mit dem wir uns identiWzieren können. Also gibt es keine Erfahrung. Dies auf der tiefsten Ebene zu verstehen, ist wichtig für jemanden, der wissen möchte, was die Wahrheit ist, was Gott ist, was jenseits der Konstruktionen des menschlichen Verstandes liegt.


In diesem Zustand der Wachsamkeit tue ich nichts, aber ich bin gegenwärtig. Der Verstand ist in einem Zustand der Aufmerksamkeit, in welchem Klarheit herrscht, eine deutliche, selektionslose Beobachtung all dessen, was man denkt, was man fühlt und was man tut. Der Verstand konzentriert sich grenzenlos. Dieser Zustand bringt Ruhe, und wenn der Verstand vollkommen still geworden ist, ohne irgendwelche Illusionen, taucht »etwas« in uns auf, das nicht vom Verstand konstruiert ist und nicht in Worten ausgedrückt werden kann.


Wachsamkeit ist unser Ziel

[...] Ich möchte mich als ein Ganzes kennen. Daher versuche ich, in mich hineinzuschauen und wachsam zu sein. Wachsamkeit ist unser wirkliches Ziel. Es ist zwecklos, ohne innere Wachsamkeit allein oder gemeinsam mit anderen zu arbeiten – wir lassen uns von der einen oder anderen Sache fesseln. Ich muss mit immenser Anstrengung wachsam sein, weil alles davon abhängt. Gleichzeitig möchte ich mich dem Leben zuwenden und, indem ich dies tue, mich darin verlieren. Ja, ich wünsche mir, mich zu verlieren. Aber ich weiß nicht, was es bedeutet. Ich denke stets, dass es irgendeine böse Identifikation ist, dieses schreckliche Leben, das von mir Besitz ergreift. Aber das stimmt nicht. Ich bewege mich darauf zu. Etwas wohnt ihm inne, was ich mag. Doch weiß ich nicht warum. Und ich muss erkennen, dass es sich um eine essenzielle Frage handelt – eigentlich handelt es sich um mich, nicht um irgendetwas Äußeres. Also brauche ich vor allem diese Wachsamkeit, diese Art, die ganze Zeit über hier zu sein. Wenn ich wirklich fähig bin, in dieser Haltung zu bleiben, werde ich zu einem anderen Wesen. [...]


Opfer und objektives Leben

Eine Haltung der Wachsamkeit führt uns in Richtung eines objektiveren Lebens. Es ist schwer, die Vorstellung zu akzeptieren, dass man gleichzeitig ein objektives Leben führt und ein persönliches Leben – das heißt, dass man subjektiv ist, sich selbst ein persönliches Leben führen lässt. Noch schwieriger ist es hinzunehmen, dass wir in einem gewissen Sinne mit unserem persönlichen Leben bezahlen müssen. Natürlich können wir gar nicht anders als persönlich sein – subjektiv, mit unserem eigenen Körper, unseren Vorlieben und Abneigungen, unseren persönlichen Gefühlen. Dieses subjektive Leben wird immer bestehen. Jedoch muss ich es kennen, es erleben. Mein subjektives Leben ist, was ich bin, es ist ich. Gleichzeitig gibt es etwas in mir, das es mir ermöglicht, diesem Leben gegenüber objektiv zu sein. Wenn ich auch für das Höhere offen bin, muss mein subjektives Leben in seine Schranken verwiesen werden, mal mehr, mal weniger. Auf all meinen Schwächen kann ich keine neue Stärke aufbauen. Wenn ich meine Unruhe und meine Spannungen nicht opfere, werde ich niemals zu innerem Frieden gelangen. Freie Aufmerksamkeit wird nur möglich sein, wenn ich opfere, was sie versklavt. Für alles, was ich mir wünsche, muss ich einen Preis bezahlen. Wenn ich mir einen neuen Zustand wünsche, muss ich den alten opfern. Wir bekommen niemals mehr als das, was wir aufgeben. Was wir empfangen, ist proportional zu dem, was wir opfern. [...]


Eine Rolle spielen

[...] Eine Rolle zu spielen, erfordert, dass ich gleichzeitig aufmerksam bin für das, was sich um mich herum abspielt, und für das, was in meinem Inneren stattfindet; also auf zwei Arten von Geschehnissen unterschiedlicher Ordnung – auf zwei Leben, das eine innerhalb des anderen. Wie ich diese beiden Leben führe, zeigt das Maß meiner Macht zu sein. Solange ich eine Rolle nicht auf diese Art spielen kann, gibt es Versuche, Augenblicke größerer Intensität, doch keine Macht. Eine Rolle ist eine Art Kreuz, an das man genagelt sein muss, um zu unablässiger Aufmerksamkeit fähig sein zu können. Es ist, wie in den Grenzen eines starren Rahmens oder einer Gussform zu stecken. Ich muss mir ihrer bewusst sein, sie erkennen. Ohne diese Grenzen der Rolle ist keine Konzentration von Kraft möglich. Auf diese Weise wird mein äußeres Leben zu einem Ritual, einem Dienst an meinem inneren Leben. [...]

 


Aus: Jeanne de Salzmann: Die Wirklichkeit des Seins

© 2010 by the heirs of Jeanne de Salzmann

Deutsche Übersetzung © Chalice Verlag

 

 

 

Jeanne de Salzmann

Jeanne de Salzmann (1889–1990), die wohl engste Schülerin Georg Iwanowitsch Gurdjieffs, studierte dessen Ideen drei Jahrzehnte lang unmittelbar an seiner Seite. Als sie, genau so wie er es ihr kurz vor seinem Tod ›aufgetragen‹ hatte, erst mit 101 Jahren starb, blickte sie zurück auf eine mehr als siebzigjährige Praxis dessen, was »die spirituelle Arbeit« oder »das Werk« genannt wird. Weiterlesen...

Quelle

Jeanne de Salzmann: Die Wirklichkeit des Seins – Der Vierte Weg Gurdjieffs.

 

 

Jeanne de Salzmann

Mein Körper, mein Geist, mein Fühlen sind hier

Eine der wenigen Filmaufnahmen von Gurdjieffs Schülerin. Weiterblättern...

 

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